VERSTRAHLT - TSCHERNOBYL 2017

"Und was machst du so in deinem Urlaub?".... "Ach ich fliege nach Tschernobyl."... Stille....

So verlief fast  jedes Gespräch über meine Urlaubsplanung im April. Nagut Urlaub ist vielleicht etwas hoch gegriffen und auch ich habe diesen Trip nicht als Urlaub angesehen. Was mich aber dazu bewegt hat, diesen Trip überhaupt zu machen kannst du in dem letzten Blogeintrag lesen!

 

Alles begann am 07.04.2017 um 6 Uhr in der Früh, mit einer Fahrt zum Berliner Flughafen. Wir hatten die Wahl zwischen einen 24h Flug mit bekannten Airlines oder einen 2h Flug mit der einzigen Ukrainischen Airline. Dreimal darfst du raten welchen wir (mein Dad und ich) genommen haben... Richtig den mit der Ukrainischen Airline! :D Der Flug war okay, doch was von den Ansagen verstanden, haben wir nicht. 

Nach einer sehr "interessanten" Taxifahrt nach Kiew haben wir uns erstmal die Stadt angeschaut. Wie uns Kiew gefallen hat, folgt in einem späteren Blogeintrag.

 

Am Sonntag dem 08.04.2017 hieß es dann 8 Uhr Treff am Bahnhof mit dem Veranstalter des Trip. Wir hatten uns für Chernobylwelcom entschieden, was auch eine gut Wahl war.

Zwei Stunden ging es mit einem Sprinter in den Norden der Ukraine zur Sperrzone um den Reaktor. Einen Stop später waren wir auch beim ersten Checkpoint angekommen und nach kurzer Passkontrolle waren wir auch schon drin... Und jetzt?

Tja, also gemerkt hat man natürlich nichts, nur man hat sich schon Gedanken gemacht, ob das wirklich eine gute Idee war, in ein Gebiet zu fahren, welches seit über 30 Jahren einer der gefährlichsten Orte für einen Menschen ist. 

Nach ein paar Minuten hielten wir auch schon und konnten die ersten Schritte auf verstrahlten Boden machen. Durch die Bäume hindurch konnte man in nicht all zu weiter Entfernung schon die ersten Gebäude erahnen. Es waren einfache Wohnhäuser, die aber schon sehr gut von der Natur zurück erobert wurden. Auch wenn man seit 2012 nicht mehr die Gebäude betreten darf, haben wir dies trotzdem getan, aber dazu später mehr. ;)

 

Es war generell spannend, aber auch zu gleich komisch in den Häusern zu stehen, mit dem Gedanken im Kopf, dass hier vor ein paar Jahrzehnten die Menschen noch das Leben genossen haben. In den ersten Häusern die wir besichtigen konnten, fehlte die Einrichtung fast komplett, aber das sollte sich noch ändern. Unser nächster Stopp war ein ehemaliger Kindergarten. Hier war die Einrichtung noch fast vollständig und man konnte sich sehr gut vorstellen, wie die Kinder hier gespielt haben. Irgendwie merkwürdig...

 

 

Bevor wir in die Sperrzone gefahren sind, hat unsere Gruppe 3 Geigerzähler bekommen. An vielen Stellen war die Strahlung noch im "normalen" Bereich, aber an einem Baum vorm Kindergarten war ein sogenannter Hotspot. An diesen Hotspots ist die Strahlung um ein weites höher und das, obwohl es in diesem Fall nur ein Baum war.

Da in der Zone kaum Menschen wohnen und die Natur das sagen hat, lief uns auf der Fahrt nach Tschernobyl City in aller Ruhe ein Wolf, mit einen Hund im Maul, über die Straße und lies sich von uns überhaupt nicht beeindrucken. Leider fuhr der Fahrer weiter und somit konnte keiner ein Bild machen...

Gegen Mittag sind wir in Tscheronbyl City an unserem Hotel angekommen, wo wir die Zimmer bezogen und was zum Mittag essen konnte. Die Zimmer waren ganz okay und das Essen... Naja es war besser als nichts, aber auch kein kulinarisches Highlight. Aber wegen dem Essen und des Hotels haben wir uns ja auch nicht für den Trip entschieden.

Die Fahrt ging weiter und plötzlich tauchte durch die Bäume eine riesige, silberne Hülle auf. Wenig später standen wir auch schon nur wenige Meter vom explodierten Reaktor entfernt. Auch hier war die Strahlung, anders als erwartet, recht "normal" und durch die neue Hülle, die seit 2016 über dem Reaktor steht, wirkt das ganze weniger bedrohlich, sondern eigentlich nur wie eine ganz normale Fabrik.

Ein paar Arbeiter kamen gerade vom Mittag und gingen wieder auf das Gelände. Schon komisch, an einem Ort zu stehen, der so vielen Menschen das Leben gekostet hat oder aus der Heimat vertrieben hat.

Der Himmel an diesem Tag war blau, die Sonne strahlte vom Himmel, wobei die nicht das einzige war, was gestrahlt hat und alles wirkte so friedlich. 

Nach nur 10 Minuten ging es aber auch schon weiter... und genau das ist es, was mich an diesem Trip gestört hat.

Man hatte in den meisten Fällen nur 10 bis 20 Minuten Zeit sich den Ort/ das Haus an dem gehalten hat, anzuschauen und besonders wenn man Fotos machen will rast man nur so durch die Gegend :D

Nur 3 Kilometer vom Reaktor ist sie auch schon... Die Geisterstadt Prypjat.

Erst 3 Tage nach dem Unglück wurden die fast 50000 Einwohner innerhalb von 3 Stunden evakuiert und haben alles zurückgelassen, was sie nicht tragen konnten.

Um auch in Prypjat die zum Teil einsturz gefährdeten Gebäude betreten zu dürfen, muss man ein kleines Geld an das hier stehende Militär zahlen und schon ist es okay. :D Aber klar.. hier ist niemand korrupt! So zumindest doch das Schild am Flughafen bei der Passkontrolle. :D

 

Die ehemaligen großen Straßen sind jetzt nur noch kleine Waldwege und die großen Freiflächen werden Stück für Stück von der Natur auch zurück erobert. Genau deswegen wollte ich unbedingt diesen Trip machen, da man an kaum einen anderen Ort so gut sehen kann, dass egal was der Mensch erbaut, die Natur sich alles wieder zurück erobert.

Schule, Krankenhaus, Kino, Bar, Postamt, Polizeistation, Freizeitpark. Den Bewohner muss es im Vergleich zur restlichen Ukraine hier recht gut gegangen sein und auch was die Lebensmittel betrifft, so soll es hier an kaum was gemangelt haben. Verständlich, wenn man neben Nuklearen Brennstäben lebt.

Es ist schwer das ganze in Worte zufassen und ich denke, die Bilder sprechen schon für sich...

Am Ende des ersten Tages konnten wir auch nochmal auf eines der 16 stöckigen Hochhäuser und von dort den Blick über die Stadt bis hin zum Reaktor genießen. Erst da oben hat man so wirklich mitbekommen, wie dicht der Reaktor an der Stadt steht.

Mit so vielen Eindrücken, dass man es noch gar nicht wirklich realisieren kann, endete der erste Tag.

Am nächsten Tag ging es um 9 Uhr vom Hotel wieder los, aber dieses mal nicht in Richtung Reaktor, sondern zu einem Teil des Raktenabwehrsystems, welches in der Sowjet-Zeit genutzt wurde.

Der DUGA 3!

Es sind nicht nur ein paar große Satellitenschüsseln, die da im Wald stehen, sondern es ist ein Metallgerüst, welches ca 150m hoch und wohl doppelt so breit ist. Ringsherum stehen viele Militärische Gebäude, in denen die Rechner zur Auswertung standen, aber auch ein Ausbildungszentrum. Anders als in Prypjat hat man hier versucht die Anlage auch nach der Katastrophe noch weiter zu nutzen, was man aber doch recht schnell aufgegeben hat.

Das der Reaktor so dicht an dem Radarsystem gebaut wurde, ist auch kein Zufall, da zur Betreibung des Systems allein schon ein Reaktorblock gebraucht wurde.

Welchen nutzen das System aber wirklich hatte, weiß aber so wirklich keiner, da auch die Existenz bis zum Unglück geheim gehalten wurde. Es war trotzdem sehr beeindruckend unter dieser Metallkonstruktion zu stehen und es einfach auf sich wirken zu lassen.

Als letzten Punkt, auf unserer Liste stand noch der Besuch bei jemanden, der nach der Katastrophe wieder zurück gezogen ist und seit dem in der Sperrzone lebt.

Der 85 jährige lebt alleine auf seinen kleinen Hof, wo er Hühner hält und Gemüse anbaut. Da wir alles fragen konnten, hat man so noch einen viel besseren Einblick bekommen.

Auf die Frage, ob er Mutationen durch die Strahlung gesehen hat, konnte er nur lachen. 

Keine Frage, dass die Strahlung für den menschlichen Körper nicht gerade das beste ist und auch, dass die Strahlung auf spätere Generationen starke Folgen hat, aber mit seiner Aussage, dass es jetzt auch egal ist wo er lebt, hat er mich zum nachdenken gebracht.

Ob die Menschen, die bei der Explosion nur 3 Kilometer entfernt waren, jetzt im 150 Kilometer entfernten Kiew wohnen oder immer noch in ihrer "alten" Heimat. Verstrahlt sind sie so oder so und Kiew ist durch Wind und Regen, der von der Sperrzone herkommt, ebenso verstrahlt.

FAZIT:

Es war eine der spannendsten Reisen, die ich bisher gemacht habe! Ich kann es auch jetzt nach 2 Wochen noch nicht wirklich in Worte fassen, da ich was vergleichbares so noch nie gesehen habe. Klar, war ich auch schon mal in verlassenen  Häusern, aber in dieser Größe ist das schon echt beeindruckend und ich kann es auch nur jeden empfehlen, der sich für Lost Places interessiert. Es wäre bestimmt spannend diesen Ort in 10 bis 20 Jahren erneut zu besuchen, um zu sehen, wie sich die Natur noch mehr alles zurück erobert hat.

Aber fürs erste bin ich genug VERSTRAHLT.

 

An der Stelle ein Dankeschön an meine Mum, die das ganze zwar nicht sonderlich schön fand, dass wir fahren, aber diese Erfahrung uns trotzdem machen lassen hat! Vielen Dank auch an meinen Dad, dass er mitgekommen ist und auch mich mal fotografiert hat :D

Weitere Bilder

360° Bild der Radarstation Duga 3

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Kommentare: 3
  • #1

    Patrick (Montag, 24 April 2017 04:31)

    Sehr, sehr spannend und beeindruckend. Da kriege ich schon richtig Lust, dort auch einmal hinzureisen... :-)

  • #2

    Tony R. (Montag, 24 April 2017 13:33)

    Beeindruckende Bilder und tolle Story!!!
    Ich beneide dich für diese Reise.
    Hoffe du konntest viel mitnehmen ;)

    Lg Tony

  • #3

    Enrico Medved (Dienstag, 25 April 2017 12:34)

    Sehr beeindruckend! Ich kann mich noch an den Tag erinnern. Ich war gerade in der Schule als die Nachricht kam......